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017 – Die Sträucher erkennen

017
Halbsträucher sind keine Büsche. Sie werden kahl, wie ein geschnitztes Holz, aber nicht überall, nur untenrum. Um einen Busch zu imitieren, benötigen sie ungemeine Pflege. Oder wie es eine Kindergärtnerin erklären könnte: Was rund wächst, ist ein Busch, alles andere ist ein Strauch. "Vielleicht ist ein Busch auch ein Baum, nur in klein, und ein Strauch ist eine Staude", entgegnet Kevin (5 Jahre alt) und legt nach – "oberirdisch nahezu tot im Winter, kahl vom Abwurf der Blätter, unterirdisch brodelt es hingegen ausdauernd". Kevin hat ein gutes Sprachvermögen, er will, wenn er mal groß ist, Rhetoriker werden. Schon heute fesselt er die umgebenden pädagogischen Fachkräfte mit seinen abenteuerlichen Geschichten; seine Kollegen im gleichen zartem Alter wissen dagegen nicht, von was er redet. Sie spielen lieber mit Bauklötzen.

Zurück zu den Sträuchern! [Ist besser so.] Ach, Moment, da kommt gerade der spät gewordene Vater von Kevin, um seinen kleinen Racker abzuholen. Er dürfte so Mitte 40 sein und hat kürzlich eine Chantal gezeugt. Sie ist noch nicht geschlüpft, doch ihr Rufname steht bereits fest. Die Schreibweise wird noch diskutiert. Seine – wer hätte es erraten? –, wesentlich jüngere Frau denkt über "Khantal" nach. Sie kommt aus Nordindien, ist eher hellhäutig und erfüllt nicht das Klischee, welches besagt, dass Frauen ihres Landes nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt wunderschön sind und dann relativ schnell relativ drastisch altern. Obwohl: Sie ist noch zu jung, um das schlussendlich festzumachen. Vielleicht tut ihr die zweite Schwangerschaft noch um einiges besser als die erste, letztendlich weiß man es nicht.

Der Wunderstrauch – auch unter den Begriffen Kroton oder Krebsblume bekannt – ist von der anfangs erwähnten Kahlheit (von Halbsträuchern) untenherum ebenfalls betroffen. Er ist quasi wie Kevins Vater. Nein, nicht kahl unterhalb des Bauchnabels! Er blüht spät und seine Früchte reifen meist erst im November oder Dezember aus. Dass so gut wie alle Teile des Wolfsmilchgewächses giftig sind – besonders der Pflanzensaft ist hautreizend! -, muss am Ende nicht erwähnt werden. Für Khantals Erzeuger besteht keine Gefahr, seine hochträchtige Inderin wird ihn gut pflegen und hegen, um die Stärke eines Busches noch auf lange Zeit vortäuschen zu können. Die pralle Mittagssonne wird er meiden, ebenso wie Zugluft und Umgebungen mit wenig Luftfeuchtigkeit. Seine Ernährung hat sie ohnehin schon umgestellt und bedarfsgerecht erhält er eine perfundierte Nährstofflösung. Sie hat Landschaftsgärtnerin gelernt und Khantal soll Botanikerin werden.

Hochempathievoll, ℐţ.


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