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020 – Die Bäume erkennen

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Die Suche nach einem Tannenbaum ist ähnlich der Suche nach einem Partner. Da im Deutschen der Tannenbaum ein maskulines Substantiv ist, müsste man "straighte" Frauen oder "gaye" Männer befragen, alternativ Personen, die auf eines der beiden Geschlechter (sic!) oder (sogar) auf beide (ex aequo) abfahren. Für den fiktionalen Eintrag und als beispielhafte Hypothese bleiben wir bei der "gewöhnlichen straighten" Frau, die (hier) per se enorme Ansprüche stellt. Weswegen will sie den nicht? Warum mag sie jenes Bäumlein unter keinen Umständen im trauten Heim haben? Ihr Partner fragt sich das still und leise und meint – zurecht (und leider laut) –, "es ginge doch nur um ein paar Wochen". Ein korrekter Einwurf – und trotzdem so falsch. Die Erklärungen seiner holden Dame sind (in aller Regel) – "ehema(e)nn(er)gerecht" – simpel gestrickt: Der eine ist ein wenig zu groß (1), der andere viel zu klein (2), ein nächster kommt zu breit daher (3) und beim darauffolgenden scheitert es an der Dichte des Bewuchses (4). Gatten könnten im Chor singen, dass ihre Angetrauten schwer zufriedenzustellen sind, hingegen es mitunter leicht fällt, sie zu überzeugen. Unternehmen wir für Spaß einmal einen gewagten Versuch, wohlgemerkt aus dem Blickwinkel eines Weihnachtsbaumverkäufers und seiner hergebrachten Auffassung, die ihm gegebenenfalls zu den nachfolgenden Äußerungen reizen könnte.

(1) Ein großer Baum ist perfekt für den Wintergarten.
(2) Ein kleiner Baum kann problemlos aufgebockt werden.
(3) Ein breiter Baum will gestutzt, gekürzt und gepflegt werden.
(4) Ein lichter Baum verlangt nach Schmuck, Girlanden und insbesondere Schneewatte zum Kaschieren seiner Makel.

Zugegeben, das war eine grottenschlechte erste Herangehensweise, mutmaßlich von einem Typen, der noch zu kurz im Christmas Tree Business tätig ist. Probieren wir es einmal anders, ein bisschen einfacher und mit einem Hauch von Emotion(alität).

(1) Der ist ein wahrer Hingucker!
(2) Der entfaltet sich erst im Warmen.
(3) Der Bursche ist regional und rustikal.
(4) Der strotzt vor Natürlichkeit und betört mit seinem Duft.

Sofern das nicht Genüge tut, darf es gerne praktisch werden.

(1) Ihr Mann macht ihn für sie kleiner.
(2) Ihr Mann macht ihn für sie größer.
(3) Ihr Mann macht ihn für sie schmaler.
(4) Ihr Mann macht ihn für sie schöner.

Wenn alles scheitert, hilft eventuell eine kleine Anekdote aus dem Leben eines Christbaumhändlers.

Vor einigen Tagen spazierte ich am frühen Morgen durch den Wald. Es war ein herrlicher Tag, die ersten warmen Sonnenstrahlen schienen durch die Bäume hindurch und erzeugten hier und da ein ganz besonderes Leuchten. Manche der Bäume wirkten, als stünden sie unmittelbar in jenem goldenen Licht, ganz als ob sie förmlich darin verschwanden oder gar in der Helligkeit aufgegangen sind. Exakt so einen Effekt erzielte dieser Baum in dem Moment, unmittelbar nachdem ich ihn erstmals sah. Augenblicklich verguckte ich mich in ihn. Im Stillen dachte ich mir "Mein werter Freund, ich liebe dich viel zu sehr, um etwas aus dir zu machen, was du nicht sein solltest." Doch gleichzeitig wurde mir bewusst, dass jemand da draußen ist, der nicht nur das wahre Ich des Jungspunds erkennen wird, sondern sich auch damit arrangieren kann, sich damit abzufinden weiß – ja, ein Mensch, der die hohe Tugend der Genügsamkeit in sich trägt und gleichsam über Schönheitsfehler hinwegblickt.

Für einen endenden Satz ist reichlich Platz. 4 Bäume fielen, man spekuliert, dass 4 Frauen in dieser Nacht temporär beglückt wurden und ferner über 4 Verkäufer, die an Christmas Eve auf stationäre Pflege angewiesen waren. 4 versuchte Raubüberfälle, sagt man. 4 Männer, allesamt mit Trauring bestückt, bezeugten die Tathergänge. Mehr noch: Sie spielen sich als Retter in der Not auf. Ein verspätetes Weihnachtsmärchen sozusagen, ...

Hochempathievoll, ℐţ.


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